Deep Forest – Das Kunststück der Natur-Architektur
“Deep Forest”: Das Kunststück der Natur-Architektur oder: Wie wir uns von der Erde verabschieden und sie gleichzeitig umarmen
Stellen Sie sich vor, Sie betreten ein Gebäude, das aussieht wie ein Wald aber nicht irgendein Wald. Nein, dieser Wald besteht nicht nur aus Bäumen, die wie die übliche grüne Dekoration wirken, sondern er ist ein lebendiges, atmendes, digital verbundenes Organismus-Netzwerk.

Deep Forest Das Kunststück der Natur-Architektur oder: Wie wir uns von der Erde verabschieden und sie gleichzeitig umarmen
Vielleicht haben Sie das schon erlebt, wenn Sie als Kind in einem Hochhaus wohnten und sich gefragt haben, warum der Regen in der Stadt oft eine seltsam andere Farbe hatte aber das ist eine andere Geschichte. Was hier präsentiert wird, ist das, was passiert, wenn Sie die Ingenieurskunst von echten Wissenschaftlern und Künstlern mit einem Hauch von Science-Fiction-Magie vermengen.
Die Kunstinstallation „Deep Forest“ von Prof. Claudia Pasquero und Dr. Marco Poletto von ecoLogicStudio, in Zusammenarbeit mit der Universität Innsbruck, ist eine solche Mischung aus Wissenschaft, Philosophie und Kreativität. Und das Beste daran? Sie können sie tatsächlich in einem der renommiertesten Museen Dänemarks, dem Louisiana Museum of Modern Art, bewundern, zwischen dem 8. November 2024 und dem 23. März 2025. Falls Sie zufällig in Dänemark sind, was ja heutzutage dank Billigfliegern praktisch in jeder Woche der Fall ist, können Sie ein Stück “Wald” erleben, das Ihnen die Augen öffnen wird.
Die Zukunft ist… kein Beton mehr, sondern ein Pilz…
Wenn Sie sich tief in den Wald wagen nicht den mit den Laubbäumen und Eichhörnchen, sondern den neuen, verbesserten „Deep Forest“ – dann tauchen Sie nicht nur in eine neue Ästhetik ein, sondern auch in eine Philosophie, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Ein „Deep Forest“, das mehr zu bieten hat als der durchschnittliche Waldspaziergang: Dieser Wald atmet, er wächst, er ist eine Mischung aus biologischen und digitalen Prozessen, wie eine Art biologisches Wi-Fi, das zwischen Myzel und Algen überträgt. Stellen Sie sich vor, der Wald hätte ein WLAN-Netzwerk, das Ihre Daten schneller empfängt, als Sie den nächsten Instagram-Post laden können. Was sich anhört wie ein futuristisches Märchen, wird in der Ausstellung zur Realität.
Was mir persönlich besonders gefällt und das ist der Sarkasmus, der bei mir durchkommt ist die Tatsache, dass diese hochmoderne, hochkomplexe Installation von Myzel und Algen im Grunde genommen den alten Traum der Architektur umkehrt: Wir entmechanisieren die Natur. Wenn Sie noch von der modernen Vorstellung besessen sind, dass Architektur eine „Maschine“ ist im klassischen Sinne von Le Corbusier dann werden Sie hier im „Deep Forest“ garantiert enttäuscht.
Kein Stahl, kein Glas, kein Beton. Stattdessen Pilze, Algen und ein mystisches Netz aus „Wood Wide Web“ Myzel, das Internet der Wälder, das so etwas wie ein biotechnologisches Meisterwerk darstellt.

https://www.pendulummag.com/art/2024/11/23/deep-forest-bringing-bio-digital-architecture-to-life-at-louisiana-museum-of-modern-art
Vom Wachsenden zum Verfallenden: Nachhaltigkeit neu definiert
Die tiefere Bedeutung dieser Ausstellung liegt in der Verbindung von Natur und Technologie. Es ist keine „Grüne Architektur“, die uns glauben lässt, dass ein paar Pflanzen auf dem Dach unser schlechtes Gewissen beruhigen können. Nein, hier wird das Konzept der Architektur mit einer drastischen Wendung neu gedacht ein Hinweis darauf, dass wir nicht einfach von der Natur lernen müssen, sondern mit ihr koexistieren sollten. Und das bedeutet, die Natur selbst als Baustoff zu betrachten. Die gesamte Ausstellung ist ein Versuch, diesen hybriden Organismus zu erschaffen, der biologisch und digital zugleich ist.
Sie können sich das vorstellen wie die neuesten Versionen von „Künstlicher Intelligenz“ nur dass es hier nicht um Computercodes geht, sondern um Myzel, das wie ein bisschen feuchte Software in einem Wald funktioniert.
Die Architekten und ihre Pilze: Wie Myzel zu einem Bauwerk wird
Lassen Sie uns tiefer in die Materie einsteigen und damit meine ich nicht den feuchten Boden eines realen Waldes, sondern das biologische, fast schon zärtlich wirkende Myzel, das die Basis der Deep Forest-Installation bildet. Diese Pilze ja, Sie haben richtig gehört, Pilze sind die wahren Helden dieser Ausstellung. Sie organisieren die Struktur der Ausstellung, steuern das Belüftungssystem und sind sogar die „Wanderführer“ für die Besucher. Wenn also jemand fragt, warum der Pilz im Eingang so wichtig ist, sagen Sie einfach: „Das ist der Wald, der uns sagt, wo wir lang gehen sollen.“
Das ganze Konzept hinter diesem Wald? Er ist ein Symbiose-Experiment. Myzel und Algen leben miteinander, sie arbeiten zusammen und erzeugen durch Photosynthese ein Prozess, der an sich schon faszinierend ist nicht nur Sauerstoff, sondern auch einen natürlichen Kreislauf, der gleichzeitig CO2 speichert. Es ist, als ob der Wald uns zeigt, wie die Erde selbst regeneriert werden kann ohne den üblichen Lärm von Maschinen und Fabriken im Hintergrund.
Die wahren CO2-Speicher: Myzel, Algen und Ihre Mama
Kommen wir zu den praktischen Aspekten dieser Ausstellung. Die 44 Photosynthesizer, die die Installation füttern, sehen nicht nur aus wie futuristische Design-Objekte, sie sind auch echte CO2-Speicher. Diese Dinger fangen 600 Gramm CO2 pro Tag ein und das ist, als ob sie die Luft reinigen, während wir mit einem Latte Macchiato in der Hand durch das Museum schlendern. Es ist der Traum jedes Klimawissenschaftlers und – ehrlich gesagt der Albtraum jedes Klimawandelleugners, der das Ganze immer noch als „Hype“ abtut.
Und ja, es wird noch besser: Die 3D-gedruckten Bioabbaukolonnen, die mit Algen-infundierten Biopolymeren und Kaffeebohnenschalen gefüttert werden, bieten noch einen weiteren Kommentar zu unserer Konsumgesellschaft. Wir gießen Müll in diese Geräte und es entsteht etwas Nützliches. Was für eine brillante, ironische Art, uns an unser eigenes Abfallverhalten zu erinnern!
Was soll das Ganze?
„Deep Forest“ ist mehr als eine Kunstinstallation.
Es ist eine Aussage. Ein Schrei nach mehr Verantwortung im Umgang mit der Erde. Es ist das Bild einer Zukunft, in der Architektur nicht mehr als etwas betrachtet wird, das wir einfach über der Natur errichten, sondern als etwas, das mit der Natur zusammenarbeitet. Das ist die Zukunft von „Architektur“, wie wir sie kennen sie ist nicht mehr nur strukturell, sie ist jetzt ein lebendiges, atmendes Ökosystem. Und wer weiß? Vielleicht wird der nächste Wolkenkratzer nicht aus Stahl und Glas gebaut, sondern aus Pilzen und Algen.
Wenn diese Ausstellung eines zeigt, dann ist es das: Wenn wir weiterhin so rücksichtslos mit der Erde umgehen, wird der nächste „Deep Forest“ nicht in einem Museum zu finden sein. Dann wird er höchstens noch in einem digitalen Archiv existieren, das irgendwann von den Algen selbst verwaltet wird als letzte Erinnerung an den eigentlichen Wald, den wir einstmals bewohnten.
PROJECT CREDITS
Project Name: Deep Forest
Exhibition Info: Living Structures (part of Architecture Connecting series) 8 November 2024 23 March 2025 at the Louisiana Museum of Modern Art, Denmark
Artist: ecoLogicStudio (Claudia Pasquero, Marco Poletto)
Academic Partners: Synthetic Landscape Lab at Innsbruck University, Urban Morphogenesis Lab at the Bartlett UCL
Project Team: Prof Claudia Pasquero, Dr Marco Poletto with Jasper Zehetgruber, Beyza Nur Armagan, Xiao Wang, Alessandra Poletto
Prototyping Support Team: Konstantina Bikou, Korbinian Enzinger, Francesca Turi, Jonas Wohlgenannt, Marco Matteraglia, Michael Unterberger, Mika Schulz, Felix Humml, Bo Liu
Photographer: ©Rasmus Hjortshøj
